Jetzt neu: "NS-Medizinverbrechen im Altkreis Moers"
Ihre Geschichten dürfen nicht vergessen werden
Am 9. September ist die Publikation „NS-Medizinverbrechen im Altkreis Moers – Zwangssterilisation und ‚Euthanasie‘ 1933 bis 1945“ im Rahmen einer Pressekonferenz sowie einer öffentlichen Buchvorstellung im Alten Landratsamt präsentiert worden. Mehr als 70 Gäste machten am Abend das große Interesse und die Bedeutung deutlich, die die Aufarbeitung dieses lange wenig beachteten Kapitels der regionalen Geschichte bis heute hat.
Das rund 250 Seiten starke Buch widmet sich Menschen aus Moers und der Region, die während der nationalsozialistischen Diktatur als „erbkrank“, krank oder behindert ausgegrenzt, verfolgt, gegen ihren Willen sterilisiert oder im Zuge der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen ermordet wurden. Anhand historischer Dokumente und Krankenakten rekonstruiert die Publikation ihre Biografien und holt die Betroffenen aus der Anonymität der Akten zurück.
Hildegard Hecker, Vorsitzende des Vereins Erinnern für die Zukunft e. V., hob ein zentrales Anliegen des Werkes hervor: „Hinter den Akten, Diagnosen und bürokratischen Entscheidungen standen Menschen. Sie hatten Namen, Familien und ein eigenes Leben. Ihnen wieder ein Gesicht und eine Geschichte zu geben, ist eines der zentralen Anliegen des 250 Seiten umfassenden Buches.“
Herausgegeben wurde der Band gemeinsam von Erinnern für die Zukunft e. V. und der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Moers. Auf der nachmittäglichen Pressekonferenz unterstrich Bürgermeisterin Julia Zupancic die Notwendigkeit dieser Veröffentlichung mit den Worten: „Manche Bücher erscheinen nicht nur – sie sind notwendig.“ Das Werk gebe den Opfern ihre Namen und Geschichten und damit ein Stück ihrer Würde zurück. Zugleich verband sie damit einen klaren Auftrag für die Gegenwart: Das Buch solle viele Menschen erreichen, Gespräche anstoßen und besonders in Schulen und Bildungseinrichtungen genutzt werden, denn Erinnerung bedeute, Ausgrenzung und Entrechtung entschieden entgegenzutreten und die Würde jedes Menschen zu schützen.
Wie die nationalsozialistische „Rassenhygiene“ und „Erbgesundheitspolitik“ im Altkreis Moers konkret umgesetzt wurden, zeigten die Autorinnen und Autoren bei der abendlichen Buchvorstellung auf. Menschen aus der Region wurden erfasst, begutachtet, zwangssterilisiert oder in die mörderische Maschinerie der „Euthanasie“ getrieben. In den anschließenden Gesprächen ging es deshalb auch um die Relevanz für das heutige Zusammenleben. Das Buch mahnt eindringlich vor den Folgen, wenn Menschen nach vermeintlichem „Wert“ und „Unwert“ unterschieden werden. Die Aufarbeitung ruft dazu auf, sensibel zu bleiben, wenn Menschen heute abgewertet oder ihnen Rechte abgesprochen werden – denn die Betroffenen waren keine bloßen Aktenzeichen, sondern Nachbarinnen, Nachbarn, Angehörige, Kinder und Erwachsene, deren Geschichten nicht vergessen werden dürfen.
Maren und Dr. Bernhard Schmidt haben vor gut 10 Jahren schon die Recherchen begonnen. Weitere Autorinnen und Autoren sind Helmut Grosch, Krista Horbrügger, Achim Jaeger, Bernd Kern, Thomas Ohl, Anne Prior, Alena Saam und Hanna Stucki. Die Redaktion haben Ulrich Hecker, Thomas Ohl und Alena Saam übernommen. Das Buch wurde mit finanzieller Unterstützung der Sparkasse am Niederrhein und der Kulturstiftung Sparkasse am Niederrhein möglich gemacht.