Rede zum 8. Mai – Tag der Befreiung

Rede zum 8. Mai – Tag der Befreiung

Meine Damen und Herren,

wir stehen heute hier – achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – an einem Ort, der uns schweigen lässt. Dieser Friedhof ist kein abstrakter Gedächtnisort. Er ist Zeugnis. Er trägt Namen. Er trägt Schicksale.

Am 8. Mai 1945 schwieg die Waffe. Die Welt atmete auf. Doch was bedeutete dieser Tag für die Menschen, deren Gräber uns hier umgeben?

Die Zwangsarbeiter – vergessene Opfer mitten unter uns

Während des Krieges wurden Hunderttausende Menschen aus der Sowjetunion, aus der Ukraine, aus Weißrussland und anderen besetzten Gebieten verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen – auch hier, in unserer Region. Sie schufteten in Bergwerken, in der Rüstungsindustrie, auf Höfen. Sie lebten unter unmenschlichen Bedingungen, bewacht, gedemütigt, rechtlos.

Sie hatten Namen. Sie hatten Familien. Sie hatten Träume.

Viele von ihnen starben hier, fern der Heimat – erschöpft, krank, misshandelt. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie auf diesem Friedhof, in Mehrbeck und Lohmannsheide. Weitab von den Menschen, die sie liebten.

Das Schicksal nach der Befreiung

Der 8. Mai brachte den Zwangsarbeitern die Freiheit – aber kein Ende des Leidens.

Für jene, die aus der Sowjetunion oder den ukrainischen Gebieten stammten, wartete zuhause oft keine Erlösung. Stalins Regime betrachtete die ehemaligen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter mit tiefstem Misstrauen. Wer im Ausland gewesen war, galt als potentieller Verräter. Tausende wurden bei ihrer Rückkehr sofort verhört, in Lager des Gulags deportiert oder erschossen.

Die Überlebenden wurden zu Opfern zweier Diktaturen – zuerst dem nationalsozialistischen Deutschland, dann dem eigenen Staat. Sie hatten gekämpft, gelitten, überlebt – und wurden dennoch nicht als Helden empfangen, sondern als Verdächtige behandelt.

Jahrzehnte lang sprach in der Sowjetunion niemand über ihr Schicksal. Sie schwiegen – aus Scham, aus Angst, aus Erschöpfung. Erst nach dem Ende der Sowjetunion begannen ihre Kinder und Enkelkinder, die Wahrheit zu erfahren.

Was uns dieser Ort aufträgt

Wir stehen heute hier, weil Erinnern keine Pflicht der Vergangenheit ist – sondern eine Verantwortung für die Gegenwart.

Die Menschen, die hier begraben liegen, konnten nicht wählen, wohin das Schicksal sie verschlug. Wir können wählen, ob wir ihr Schicksal vergessen oder bezeugen.

Dieser Friedhof in Meerbeck, diese Gräber in Lohmannsheide – sie sind ein Auftrag: Setzt euch ein für Menschenwürde. Widersetzt euch Hass und Gleichgültigkeit. Und vergesst niemals, dass Krieg kein abstraktes Ereignis ist, sondern Millionen einzelne, unwiederholbare Leben zerstört.

 

Den Toten gehört unser Gedächtnis.

Den Lebenden gehört unsere Verantwortung.

Ich bitte Sie um eine Minute des stillen Gedenkens.

Sandra Punge