Tag des Grundgesetzes | 23. Mai 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute vor 77 Jahren wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet. Ein Dokument, das nicht aus dem Nichts entstand – sondern aus den Trümmern, aus der Schuld, aus dem Schmerz eines Landes, das sich selbst verraten hatte.
Ich möchte heute an einen Mann erinnern, der aus unserer Stadt kommt und dessen Lebensgeschichte uns zeigt, was auf dem Spiel stand – und was auf dem Spiel steht.
Hermann Runge – ein Moerser, der für den Rechtsstaat kämpfte
Hermann Runge wurde in Moers geboren.
Er erlebte das NS-Regime, überlebte Verfolgung und Gefangenschaft – und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, ließ er sich nicht brechen.
Er glaubte an Recht.
Er glaubte daran, dass ein anderes Deutschland möglich ist.
Und so war er dabei, als dieses andere Deutschland seinen Anfang nahm: in Bonn, beim Parlamentarischen Rat, bei der Entstehung unseres Grundgesetzes.
Ein Moerser, der mitgeholfen hat, die Fundamente unserer Demokratie zu legen.
Das vergessen wir nicht. Das dürfen wir nicht vergessen.
Ehrenamt bedeutet Haltung – nicht Neutralität
Meine Damen und Herren, wir – der Verein Erinnern für die Zukunft – sind ein Ehrenamtsverein. Und ja: Wir nehmen das Ehrenamt ernst. Aber wir verstehen es nicht als neutralen Dienst am Rande der Gesellschaft. Wir stehen nicht auf dem Zaun und schauen zu.
Denn das Grundgesetz selbst ist nicht neutral. Es bekennt sich. Es stellt die Würde des Menschen an den Anfang – unantastbar. Es garantiert Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, soziale Teilhabe. Es ist ein Dokument des Engagements, der Haltung, der klaren Werte.
Und deshalb erlauben wir uns als Verein dasselbe: Haltung zu zeigen. Wir stehen aktiv ein für soziale Gerechtigkeit, für Partizipation, für eine Demokratie, die nicht nur auf dem Papier existiert, sondern gelebt wird – in den Schulen, auf den Straßen, in den Vereinen, in Moers.
Ein Angriff auf das Ehrenamt – im Namen der Transparenz
An diesem Tag des Grundgesetzes möchten wir auch klar benennen, was gerade politisch passiert.
Am 28. April 2026 stellte die AfD-Fraktion im Landtag NRW einen Antrag – Drucksache 18/19014 –, der auf den ersten Blick sachlich klingt: mehr Transparenz bei öffentlichen Fördermitteln für zivilgesellschaftliche Organisationen. Wer könnte dagegen sein?
Aber hinter dieser Fassade verbirgt sich ein gezielter Angriff. Der Antrag fordert ein sogenanntes Neutralitätsprüfungsverfahren für alle geförderten Organisationen, die sich – so der Antrag wörtlich – an „Agitation gegen bestimmte Parteien” beteiligen. Das klingt juristisch. Gemeint sind wir.
Wer Stolpersteine putzt, wird geprüft?
Wer Gedenkstättenfahrten organisiert, wird unter Verdacht gestellt?
Wer Lesungen über NS-Verbrechen veranstaltet oder öffentlich für Demokratie eintritt, soll sich rechtfertigen?
Das ist kein Transparenzgebot. Das ist ein Einschüchterungsversuch.
Und es ist ein tiefer Widerspruch zu allem, wofür das Grundgesetz steht. Artikel 5 schützt die Meinungsfreiheit. Artikel 9 schützt die Vereinsfreiheit. Artikel 20 verpflichtet uns alle auf die freiheitliche demokratische Grundordnung – nicht als Option, sondern als Auftrag.
Hermann Runge hat das NS-Regime überlebt. Sein Anliegen war es zeitlebens an einem Rechtsstaat mitzuwirken, der solche Gräueltaten nie wieder zulassen würde.
Was wir heute erleben, ist der Versuch, genau jene Erinnerungsarbeit, die aus dieser Geschichte gelernt hat, mit bürokratischen Mitteln zu ersticken.
Das werden wir nicht hinnehmen.
Das Grundgesetz ist kein Erbe – es ist ein Versprechen
Das Grundgesetz ist kein Selbstläufer.
Es braucht Menschen, die es kennen.
Die es verteidigen.
Die es mit Leben füllen.
Hermann Runge hat das gewusst.
Er hat am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn Recht und Würde mit Füßen getreten werden.
Und er hat trotzdem – oder gerade deshalb – für den Rechtsstaat gekämpft.
Das ist unser Auftrag. Als Verein. Als Bürgerinnen und Bürger.
Als Demokratinnen und Demokraten.
Das Grundgesetz ist kein Erbe, das wir verwalten. Es ist ein Versprechen, das wir erneuern müssen – jeden Tag. Und wir tun es.
Herzlichen Glückwunsch zum 77. Geburtstag unserer Verfassung.
Danke, dass Sie heute hier sind.
Erinnern für die Zukunft e.V. | Moers | Mai 2026